Die Regenzeit in Hue dauert von September bis Februar, schreibt mein Reisehandbuch. Und: „In Hue, das besonders viel Regen abbekommt, koennen selbst waehrend der ,Trockenzeit‘ …mehrere Tage hintereinander sintflutartige Regenfaelle niedergehen, die sich zu einer jaehrlichen Niederschlagsmenge von 3000 mm addieren.“ So steht es im Loose.



Nun sitze ich bereits um vier Uhr Ortszeit im Internetcafe…


WEIL ICH DIE SONNE NICHT MEHR AUSGEHALTEN HABE!
Ich!
Gestern morgen bin ich bei grauem Himmel in Hoi An gestartet, um mittags bei strahlendem Sonnenschein in Hue anzukommen. Den Nachmittag habe ich dann mit Ty auf dem Moped verbracht, habe mir alte Kaiser-Graeber und schoene Landschaften angeguckt und gesehen, wie Raeucherstaebchen hergestellt werden – und das auch gleich noch selbst ausprobiert! Kroenender Abschluss des Tages war dann der Besuch eines Klosters, in dem ich erst Moenchen beim Fussballspielen zugeschaut habe und dann eine buddhistische Zeremonie mit Gongschlagen, Gesaengen und mehr beobachten konnte. Ich habe geknipst was das Zeug haelt und Ty hat sich halbtotgelacht…
Heute habe ich dann beschlossen – sehr zum Bedauern meines geschaeftstuechtigen kleinen Motorbike-Fahrers, mir ein Fahrrad auszuleihen und auf eigene Faust loszuziehen. Dass hatte ich bereits mit grossem Spass in Hoi An gemacht und bin dort erst auf den Friedhof geradelt, wo mir ein seltsamer alter Mann froehlich ein Ohr auf vietnamesisch abgekaut hat und mich unbedingt mit meiner Kamera knipsen und natuerlich auch von mir abgelichtet werden wollte, und dann zum Strand weitergestrampelt, wo ich mir ein paar sehr entspannte Stunden mit Lesen, Kokosnusstrinken und Garnelenschmatzen gemacht habe. Der Pazifik, bzw. das suedchinesische Meer ist uebrigens ganz schoen frisch im Gegensatz zu der Badewanne, die ich auf Phu Quoc hatte!
Nun ja – jedenfalls habe ich mich heute morgen auf das alte rostige Fahrrad geschmissen (Uebrigens: die Fahrraeder in Vietnam haben alle weder Licht noch Klingel noch sonst irgendetwas ausser Handbremse, Lenker, Sattel und was man sonst noch so zum Fahren braucht!) und bin unter einem strahlendblauen Himmel froehlich losgeradelt.
Endziel sollte die Zitadelle sein, in der diverse Gebaeude der letzten Koenige beherbergt. Aber erstmal bin ich auf einer kleinen Insel im Parfumfluss (warum der so heisst, ist nicht sicher, nach Koelnisch Wasser riecht er jedenfalls nicht) gestrandet, wo ich mit lautem Gequietsche (einer meiner Bremsen hatte sich irgendwie verhakt und ich habe ewig gebraucht, bis das wieder weg war…) durch die kleinen Gassen geradelt bin, waehrend mich die Anwohner halb belustigt, halb irritert, beobachteten. Unterwegs ist mir dann auch ein kleines Kind zum Kauf (oder als Geschenk) angeboten worden (ich schwoer!), aber das war mir zu dick und quengelig, dass wollte ich nicht haben und bin weitergeradelt.
An der Zitadelle war ich am Tag vorher schon einmal kurz mit Ty gewesen, da bin ich aber nicht reingegangen. Das habe ich dann heute getan. Mein Plan war, mich dort ein wenig umzusehen und ein paar Fotos zu knipsen und dann noch bis zu einer weiteren Koenigsgrabstaette zu fahren. Nun ja – ich habe gegen elf Uhr den ziemlich hohen Eintritt bezahlt (fast 3 Euro) und los ging es bei inzwischen gefuehlten 1000 Grad….
Das Gelaende ist gar nicht mal so riesig, vieles, was hier vorher gestanden hat, ist in vielen Kriegen und Schlachten, aber auch durch Taifune, zerstoert worden. Doch was noch da ist und zum Teil eifrig restauriert wird, ist wirklich wunderschoen und enorm beeindruckend. Besonders schoen fand ich den Bonsai-Garten hinter einem der Tempel (weiss der Geier, wie der hiess, ist ja auch egal). Dort war der Laerm der Stadt weit weg, nur die Voegel zwitscherten und die Gloeckchen an den bunten Giebeln der Tore klingelten leise. Es war fast so, als wuerde das Leben kurz den Atem anhalten…. Nee, watt war datt schoen!
Gegen halb vier bin ich dann wieder aus dem praechtigen Tor herausgetorkelt, mit halben Sonnenstich, platten Fuessen, vollgestopft mit tollen Eindruecken und mit dem Magen in den Kniekehlen. Noch mehr ging irgendwie gar nicht mehr, also habe ich mich noch einmal todesmutig in den tosenden Verkehr geworfen, habe eine leckere Spezialitaet aus Hue gespeist (fritierte Reispapier-Kuechlein mit Gemuese und Krabben, dazu wird eine Erdnuss-Sauce gereicht, sehr lecker (allerdings ist diese Huelle sehr knusprig – ich habe erst einmal die Haelfte in der Gegend verteilt…)) und mich in die Kuehle des Internet-Cafes verkruemelt.
Uebrigens habe ich es nur mit Ach und Krach (und ein wenig Gewalt) geschafft, alle meine neuen Sachen noch in meinem Rucksack zu verstauen – echte Qualitaetsarbeit die Naehte an dem Ding!
So, jetzt naehert sich das grosse heisse gelbe Ding endlich dem Horizont, dann kann ich wieder auf die Strasse und Bier trinken….
Prost!
P.S.: Hoffentlich bleibt mir das Wetter weiterhin so gut gesonnen!