Nu isser da, der Tag 0. Heute habe ich meinen Redaktionsschlüssel abgegeben, meinen Tee aus dem Schrank und meinen Kram aus den Schubladen geräumt. Das war schon ein verdammt komisches, gar nicht so tolles Gefühl, das bis jetzt noch nicht nachgelassen hat.
Montag werde ich wahrscheinlich das erste Mal so wirklich realisieren, dass ich vorerst nicht mehr in die Tretmühle der MW zurück muss. Aber vorerst habe ich noch x Dinge, die mich mit Beschlag belegen. Zum einen den Halbmarathon, auf den ich zunehmend neurotisch reagiere und vor dem ich immer mehr Muffen habe. Außerdem habe ich morgen noch einen arbeitsreichen Tag mit anderen geldbringenden Projekten vor der Brust. Und gerade komme ich von einer Veranstaltung im Theater an der Ruhr, über die ich für die WAZ schreiben muss (ja, trotzdem noch). Gerhart Baum, einstiger Bundesinnenminister, hat dort zum Thema RAF erzählt. Obwohl FDP’ler, hatte er doch wirklich sehr gute Aussagen. Es war ein überaus interessanter Abend mit Unmengen an Informationen und es fällt mir gerade enorm schwer, daraus einen kurzen Artikel zu basteln. Baum, der übrigens zu seiner Amtszeit (78-82) selbst auf der Abschussliste der RAF stand, ist der festen Überzeugung, dass es richtig ist, dass Brigitte Mohnhaupt jetzt frei ist – denn es entspricht den Grundreglen unserer Rechtssprechung (b.t.w.: ganz meine Meinung). Und auch der Diskussion über die Äußerungen Klars kann er das Grundgesetz entgegenhalten: Denn glücklichweise haben wir ja das Recht auf freie Meinungsäußerung (steht jedenfalls im Grundgesetz). Auch was sonst gesagt wurde, hat mir wirklich jede Menge Futter zum nachdenken gegeben. „Wir waren einmal so sehr auf die Gnade der anderen angewiesen – warum können wir dann jetzt nicht selbst Gnade walten lassen?“ war eine der Fragen aus dem Publikum, die mich sehr berührt hat, weil ich sie so wahr finde.
Jedenfalls war das heute alles ein bisschen viel an Eindrücken und Gefühlen, so dass ich mich gerade sehr kippelig fühle und ganz müde, auch innerlich, und ziemlich Gehirnchaos habe. Den Artikel werde ich morgen früh zu Ende schreiben müssen – das wird heute wohl nichts mehr…

 

Update (ganz viel Zeit später): Ich hab den Text gefunden, den ich damals für die WAZ geschrieben habe. Hier ist er:

„Gnadenlos? Notstand für die Grundrechte?“ war der Titel des politischen Salons des Theaters an der Ruhr am Mittwochabend. Anlass war die aktuelle Diskussion um die Freilassung von Brigitte Mohnhaupt, die als RAF-Terroristin 1982 zu fünffach lebenslänglich verurteilt worden war. Als Gast war Gerhart Baum geladen, ehemaliger Bundesinnenminister (1978-1982), der sich damals wie heute aktiv mit dem Thema RAF auseinandergesetzt hat. Das Theater-Café „La Luna“ war voll besetzt mit rund 70 überwiegend älteren Zuhörern.   „Es ist ein starker Staat, der Gnade üben kann“, erklärte Baum, der in seiner Zeit als Innenminister selbst auf der Abschussliste der RAF stand. Der Rechtsanwalt stellte klar, dass Mohnhaupt nach deutschem Recht ihre Strafe abgesessen habe und jetzt regulär entlassen wurde, denn: „Es gibt in unserem Land keine lebenslange Haft, die lebenslang verbüßt wird.“ Dass dies heute einen solchen Aufruhr verursacht, hinge auch mit dem subjektiven Unsicherheitsempfinden der Bevölkerung zusammen, mit dem Boulevardmedien und Politiker spielen würden. Er beleuchtete die Zeit der Entstehung der RAF genauso wie die Auseinandersetzung des Staates mit dem Terror von links und stellte fest: „Linker Terror wurde immer schon mehr beachtet als der von rechts. Dabei gab es bereits damals genauso viele Anschläge rechter Gruppierungen.“

Dann durfte das Publikum Fragen an den FDP-Politiker stellen. Die kamen recht verhalten und überwiegend von den älteren Zuhörern. Angst vor einer Tendenz nach Rechts war dabei genauso Thema wie das Gefühl der Ohnmacht, Kritik an den Medien und die Verarmung der Gesellschaft. Aber auch die Frage, ob die RAF vielleicht nötig gewesen sei,  wurde gestellt. „Die Protestbewegung hatte die RAF nicht nötig, die RAF aber die Protestbewegung. Die Veränderungen, die wir heute haben, hätte es auch ohne die RAF gegeben“, war die klare Meinung Baums.  “Wir waren einmal so sehr auf die Gnade der anderen angewiesen – warum können wir dann jetzt nicht selbst Gnade walten lassen?” war die Fragen eines älteren Herrn, die viele berührte und Zustimmung fand.

Nach insgesamt zweieinhalb Stunden verabschiedete sich Baum und freute sich, dass es an dem Abend gelungen war, den Bogen von der RAF-Debatte zur Gesellschaftskritik zu schlagen. Das Publikum dankte ihm mit langanhaltendem Applaus.